Liebe Wählerinnen und Wähler!

Bemerkungen: [] = Absatzmarken im Volltext des Originals; LIEBE WÄHLERINNEN UND WÄHLER! [] Nachdem Sie vor einigen Wochen die Abgeordneten zum Bundestag gewählt haben, ergeht nun an Sie der Appell, die Abgeordneten zur neuen Hamburger Bürgerschaft zu wählen. [] Bei den Wahlen zum Bundestag waren Sie...

Full description

Bibliographic Details
Main Authors: Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), Auerdruck GmbH, Hamburg
Institution:Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)
Format: IMAGE
Language:German
Published: 16.10.1949
Subjects:
Online Access:http://hdl.handle.net/11088/4C7B76F4-BADC-41B5-B7A2-4DCBFBC31A4A
Description
Summary:Bemerkungen: [] = Absatzmarken im Volltext des Originals; LIEBE WÄHLERINNEN UND WÄHLER! [] Nachdem Sie vor einigen Wochen die Abgeordneten zum Bundestag gewählt haben, ergeht nun an Sie der Appell, die Abgeordneten zur neuen Hamburger Bürgerschaft zu wählen. [] Bei den Wahlen zum Bundestag waren Sie darauf angewiesen, Ihre Entscheidung vorwiegend auf Grund der Programme und Erklärungen der Parteien zu treffen. Bei der Wahl zur Bürgerschaft aber sind Sie in der Lage, nicht nur Programme und Deklarationen zu vernehmen, sondern bereits die Leistungen der Parteien zu werten. [] Als Kandidat der Sozialdemokratischen Partei und als bisheriger Abgeordneter dieses Wahlkreises wende ich mich an Sie persönlich mit der Bitte, die Arbeit zu prüfen, die in Hamburg durch die Initiative und unter Führung der sozialdemokratischen Bürgerschaftsmehrheit vollbracht wurde, und danach Ihre Entscheidung zu treffen. [] Erinnern Sie sich bitte der Situation vor drei Jahren, als zum ersten Male wieder frei gewählt werden konnte. Chaotische Zustände auf allen Gebieten hatte das Hitler-Regime hinterlassen. Die Sorge um die tägliche Ernährung war unser ständiger Gast, Kohlennot und Strommangel, Bekleidungssorgen und der Mangel an nahezu allen Bedarfsartikeln machten das Leben zur Qual. Der neue Senat mußte seine Arbeit unter heute kaum noch vorstellbaren Schwierigkeiten beginnen. "Hamburg, eine kranke, trübselige und stark vernachlässigte Stadt!", so urteilte damals der Korrespondent der Londoner Times über den Eindruck, den unsere uns allen so ans Herz gewachsene alte Hansestadt auf fremde Besucher machte. [] Und nun blicken Sie auf das Bild, das Hamburg uns heute, kaum drei Jahre nach jener Zeit, bietet! Gewiß, noch ist viel Not und großes Elend vorhanden, die Verwüstungen des Krieges sind lange nicht behoben. Und doch: Welch anderes Gesicht bietet das Hamburg von heute! Wir alle spüren es, diese vom Krieg so schwer zugerichtete Stadt hat wieder einen neuen Lebensrhythmus gewonnen. Besucher von auswärts und alle diejenigen, die Gelegenheit hatten, Vergleiche mit anderen Städten Deutschlands zu ziehen, bestätigen es: Hamburg ragt heute unter allen Städten hervor. Der weit vorgeschrittene Wiederaufbau, die an der Spitze aller Länder stehende Leistung auf dem Gebiete des Wohnungsbaus (allein 12000 Wohnungen im letzten Jahre!), die planmäßige Wiederherstellung des Stadtbildes, die ausgedehnte soziale Fürsorge und die aktive Wirtschaftsförderung auf allen Gebieten werden überall mit Hochachtung vermerkt. [] Daß dieses Ergebnis erreicht werden konnte, ist gewiß nicht allein das Werk der Hamburger Sozialdemokraten. Alle Bevölkerungskreise haben daran Anteil. Aber den Sozialdemokraten im Senat und in der Bürgerschaft unter Führung des Bürgermeisters Max Brauer gebührt das Verdienst, planmäßig und sinnvoll alle erreichbaren Kräfte zusammengefaßt, sie durch ihre Initiative belebt und auf die vordringlichen Aufgaben konzentriert zu haben. Sie haben in der Politik nicht nur "die Kunst des Möglichen" gesehen, sondern ihre Anstrengungen darauf gerichtet, das Notwendige möglich zu machen! So treten die sozialdemokratischen Vertreter im Senat und in der Bürgerschaft, die in den vergangenen drei Jahren die Verantwortung für die Hamburger Politik zu tragen hatten, heute vor die Wählerinnen und Wähler Hamburgs in dem Bewußtsein, gute Arbeit geleistet und sich des ihnen bezeugten Vertrauens würdig erwiesen zu haben. [] Als Abgeordneter dieses Wahlkreises habe ich an dieser Arbeit regen Anteil nehmen können. Da ich mich jetzt erneut um das Mandat bewerbe und mich nicht nur meiner Partei, sondern auch den Wählern verantwortlich fühle, halte ich mich für verpflichtet, Ihnen einige Angaben über meine Person zu machen. Außer der Arbeit im Plenum der Bürgerschaft, in der ich wiederholt das Wort in Fragen der Verwaltungsorganisation, der Wahlrechtes und der Presse ergriff, war ich besonders im Haushaltsausschuß, in der Finanzdeputation und im Verfassungsausschuß tätig. In meiner beruflichen Tätigkeit als Chefredakteur des "Hamburger Echo" fühle ich mich im besonderen dem öffentlichen Leben und dem Dienst an der öffentlichen Meinung verpflichtet. Als Sohn eines Zimmermanns, der durch Berufsunfall frühzeitig zum Invaliden wurde, habe ich gründlichst Not und Sorgen der Arbeiterfamilien durchgekostet. Bereits vom 9. Lebensjahre an mußte ich zum Lebensunterhalt beitragen. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte ich das Buchdruckerhandwerk. In der sozialistischen Jugendbewegung erhielt ich die kräftigsten Impulse zur Weiterbildung. Dort wurde mir der Sinn erweckt für die Schönheiten der deutschen Literatur und der Kunst, dort fand ich geistige Anregungen vielfältigster Art, dort wurden mir die ersten Grundlagen jener soziologischen und politischen Erkenntnisse gegeben, die es mir ermöglichten, in den journalistischen Beruf zu gehen, dem ich seit meinem 24. Lebensjahr angehöre. 1927 wurde ich in [] Altona zum Stadtverordneten gewählt, ein Jahr später wählten meine Fraktionskollegen mich zum Vorsitzenden ihrer Fraktion. In dieser Tätigkeit, die später durch die NS-Herrschaft gewaltsam beendet wurde, habe ich viele kommunalpolitische Erfahrungen sammeln können. 1945 stellte ich mich sofort wieder der politischen, kommunalpolitischen und kommunalen Arbeit zur Verfügung. [] Durch das Vertrauen der Wähler in die Bürgerschaft gewählt, bewerbe ich mich nun erneut um das Mandat des Wahlkreises Lokstedt-Niendorf. Meine bisherige Tätigkeit und das Programm meiner Partei, in deren Namen ich mich an Sie wende, zeigen Ihnen, nach welchen Prinzipien ich mich in meiner Arbeit leiten lasse. Noch ist in Hamburg, trotz der erzielten Erfolge, unerhört viel zu tun. Im Vordergrund aller Überlegungen stehen die Maßnahmen zur Existenzsicherung der Hamburger Bevölkerung, der Wohnungsbau muß über das bisher schon erreichte Maß hinaus weiter entwickelt werden, Hafen und Schiffahrt erfordern kräftige Förderung, die großen Versorgungsbetriebe Hamburgs, der Straßenbau und das Verkehrswesen sind auszubauen, das Schulwesen muß reformiert, die Gesundheitspflege und soziale Fürsorge vertieft werden, und weitere Gebiete der kommunalen Arbeit müssen tatkräftigst angepackt werden. [] Diese Aufgaben erfordern Sachkenntnis und eine durch politische Klarheit geschärfte Einsicht. Die Hamburger Sozialdemokratie verzichtet auf die Massenproduktion leuchtender Parolen und hochtrabender Worte, wie sie heute bereits wieder von gewissen Gruppen beliebt werden, die das Volk in einen neuen Gefühls- und Stimmungsrausch zu treiben suchen - die Sozialdemokratie sieht ihre Aufgabe in der sachlichen Leistung. Schon jetzt steht ihre Leistung sichtbar vor den Augen aller Hamburger. Sie zeugt für sich selbst! [] Wünschen Sie, daß die begonnene Aufbauarbeit tatkräftigst zum Wohle aller Bevölkerungskreise weitergeführt und bis an das höchstmögliche Maß gesteigert werde, dann geben Sie am 16. Oktober Ihre Stimme der Sozialdemokratischen Partei. [] Johannes Richter [] Kandidat der SPD [] für den Wahlkreis Niendorf-Lokstedt [] Herausgeber: SPD - Druck: Auerdruck GmbH., Hamburg 1, Speersort 1, Pressehaus
Published:16.10.1949